Journal der Wirtschaftsstrafrechtlichen Vereinigung e.V.

Martin Wohlrabe [Hrsg.]: Litigation-PR: Wie Krisenkommunikation im Gerichtssaal der Öffentlichkeit funktioniert

Dr. David Rieks, LL.M. (Columbia/UvA), WiJ 2021, 74

Springer Gabler, 1. Aufl. 2020, 227 Seiten, 39,99 EUR.

I. Einleitung

„Wie wir alle wissen: eine Strafanzeige kann jederzeit und quasi ohne jegliche Voraussetzung anonym erstattet werden. Erscheint eine solche Meldung oder gar ein ganzer Artikel dazu in einem relevanten Medium, ist die mediale (Vor-)Verurteilung fast garantiert.“ Diesen Hinweis erteilt Martin Wohlrabe einleitend in dem von ihm herausgegebenen Buch zur „Litigation-PR“.

Jeder im wirtschaftsstrafrechtlichen Beratungsfeld tätige Praktiker weiß um die Richtigkeit dieser Aussage und die aus ihr erwachsenden besonderen Risiken für den Betroffenen, die neben der rechtlichen Verteidigung stets mit zu bedenken sind. Martin Wohlrabe vermittelt in dem von ihm herausgegebenen Werk zur „Litigation-PR“ einen umfassenden und vielfältigen Einblick in die oftmals noch immer unterschätzten und missachteten praktischen Kommunikationsherausforderungen in juristischen und medialen Krisenmomenten. Das Werk bietet dabei nicht nur Handreichungen für die Verteidigungspraxis, sondern auch für kommunikative „Angriffsmandate“.

II. Inhalt

„Litigation-PR“ ist 2020 im Springer Gabler Verlag erschienen. Besondere Erwähnung verdient dabei der Aufbau des Werks. In Form von 23 Einzelbeiträgen bringen größtenteils namenhafte Autoren aus verschiedener Perspektive dem Leser das Thema der Litigation-PR näher. Erfahrungsberichte von unmittelbar von medialen Krisen Betroffener ergänzen dabei Fachbeiträge von Journalistenständen sowie der juristischen Praxis.

Als persönlich Betroffene kommen Thomas Middelhoff und Joachim Wolbergs, Jens-Oliver Voß (Deutsche Bahn) und Thomas Seeger (Ritter Sport) zu Wort. In den einzelnen Beiträgen wird jeweils mit beeindruckender Offenheit von den persönlichen Erlebnissen und den gewählten Kommunikationsstrategien berichtet.

Karin Matussek führt in ihrem Beitrag in die Schwierigkeit für die berichterstattenden Journalisten ein, sich in kürzester Zeit umfassende Kenntnisse zu einer breiten Spanne an unterschiedlichsten (wirtschafts-)strafrechtlichen Themenkomplexen „vom Kannibalen von Rothenburg bis Basel II“ anzueignen. Auch Pia Lorenz greift den Spagat zwischen dem Erfordernis möglichst schneller Berichterstattung und dem Ziel umfassender journalistischer Recherche auf. Sie zeigt hier das Handlungspotential für die Rechtskommunikation auf: „Noch nie waren Journalisten, selbst die vom (Rechts-)Fach, so angewiesen auf die Expertise von Juristen und ihren PR-Beratern, um Rechtliches schnell und richtig dort einzuordnen, wo es hingehört. Und noch nie hatten Juristen und ihre PR-Berater damit die Möglichkeit, sich so viel Gehör zu verschaffen.“

Nicht zuletzt wird die juristische Sichtweise auf die Litigation-PR beleuchtet. Gernot Lehr und Prof. Dr. Christoph Knauer geben konkrete Hinweise zur Zulässigkeit und dem geeigneten Umgang mit Verdachtsberichtserstattung sowie deren Einfluss auf den Verfahrensablauf.  Prof. Dr. Matthias Jahn nimmt das Thema der Prominenz im Wirtschaftsstrafverfahren ins Auge. Dabei zeigt er anschaulich und in zahlreichen Beispielsfällen auf, wie Ablichtungen von Betroffenen deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit beeinflussen können. Dr. Fabian Meinecke zeigt anschaulich auf, welche (zusätzlichen) Herausforderungen bei strafrechtlichen Selbstanzeigen für diesen Personenkreis bestehen können. In einem Interview mit Andrea Titz, die von ihren Erfahrungen als Leiterin der Pressestelle des Oberlandesgerichts München berichtet, wird die Pressearbeit von Gerichten und Justizbehörden beleuchtet. In weiteren Beiträgen werden dem Praktiker Handlungsempfehlungen zur Kommunikation in komplexen juristischen Krisenlagen, etwa im Fall von Datenschutzverstößen, und zur Minimierung von kartellrechtlichen Schadenersatzrisiken angeboten.

Gerade hieraus ergibt sich ein großer Mehrwert des Buches: Die Beiträge ergänzen sich zu einem übersichtlichen und stimmigen Gesamtbild, in welchem dem Leser nicht nur dessen eigene Perspektive, sondern eben auch Sichtweisen anderer Beteiligter einer medialen Krise nähergebracht werden. Die Beiträge sind dabei teils im Interviewformat, zumeist aber als Kurzreferat des jeweiligen Autors gefasst.

Der Inhalt des Buches erschließt sich dem Leser auf, gerade für ein juristisches Werk, außergewöhnlich kurzweilige Weise. Es ist dem Herausgeber zu verdanken, dass er seine Autoren zu persönlichen Schilderungen zu konkreten Krisensituationen bewegen konnte, welche die praktischen Herausforderungen greifbar machen. Auch deshalb, da die einzelnen Darstellungen auch selbstkritisch eigene Fehlerquellen der Vergangenheit benennen, gelingt es dem Gesamtwerk, dass der originelle Darstellungsansatz nie Gefahr läuft, die Grenze zur anekdotischen Erzählung zu überschreiten. Dass die Beiträge der persönlichen Krisenbetroffenen wiederum an einzelner Stelle selbst Anzeichen von „(Post-)Litigation-PR“ in sich tragen, tut deren inhaltlichem Mehrwert für den Leser keinen Abbruch.

III. Fazit

Wohlrabe selbst stellt treffend fest: „In der Litigation-PR gibt es keine Standardprozedur, keine Schablone für alle Krisen. Vielmehr ist jeder Fall individuell.“

Mit einer theoretischen Rechtsausführung ist dem Praktiker daher oftmals nur eingeschränkt geholfen. Wer auf der Suche nach einer solchen vertieften rechtsdogmatischen Darstellung oder gar einem Rechtssprechungs- und Fundstellensteinbruch sein mag, wird mit dem vorliegenden Werk möglicherweise nicht abschließend bedient sein. Doch letztlich liegt in der besonderen Darstellung gerade die Stärke des Werks. Die Auswahl der Beiträge spiegelt den beruflichen mannigfaltigen Hintergrund des Herausgebers als Volljurist, Journalist und Gründer einer Krisen- & Litigation-PR-Beratung umfänglich wider. “Litigation-PR“ beeindruckt wegen der umfangreichen Sammlung von Beiträgen unterschiedlichster Akteure, die einen umfassenden Einblick in die Praxis juristischer Krisenkommunikation geben. Während der Lektüre mag gerade diese Darstellungsform bei dem Leser den erfreulichen Eindruck vermitteln, er nähme an einem schriftlich ausgetragenen –  herausragend kuratierten – Kongress zur Krisenkommunikation teil. „Litigation-PR“ ist so eine abwechslungsreiche und informative Einführung in das Thema der Litigation-PR geworden, die das Buch als Schnittstelle nicht nur für den Strafverteidiger ausgesprochen lesenswert macht.